Offenstall: Pro und Contra

Dieses Thema bewegt alle Reiter, die sich für ihr Pferd ein möglichst gutes und artgerechtes Leben wünschen: der Offenstall. Viele Besitzer zögern vor einer Umstellung und benötigen einen objektiven Blick auf die Vor- und Nachteile.

Offenställe bieten die Vorteile von ausreichend Bewegung, frischer Luft und einem artgerechten Sozialleben innerhalb der Herde. Nachteile sind die hohe Verletzungsgefahr, die eingeschränkte bedarfsgrechte Fütterung und den für manche Pferde erhöhten Stress durch ranghohe Pferde oder eine starke Witterung.

Pro #1: Bewegung

Das Pferde absolute Bewegungstiere sind, weißt du bestimmt schon. Sie ziehen in der Wildnis umher und verlassen Flächen, die sie abgegrast haben. Pferde sind ständig in Bewegung, sie bewegen sich besonders beim Fressen langsam aber kontinuierlich fort.

In freier Wildbahn bewegen sich Pferde durchschnittlich 15 bis 16 Stunden beim Grasen vorwärts. Je nach Umgebung kann diese Zahl auch zwischen 12 und 18 Stunden schwanken.

Pferde sind mit ihrem ganzen Körper auf die Bewegung ausgerichtet. Besonderes Beispiel ist der Hufmechanismus, der nur durch ausreichend Bewegung seine volle Funktion entfalten kann. Stehen Jungpferde zu lange, anstatt mit anderen Jungtieren zu laufen, entwickeln sich schnell Fehlstellungen.

Bewegung erhält Pferde gesund und jeden sollte klar sein, dass nur eine Stunde sein Pferd in der Halle zu bewegen und eine Stunde auf dem Paddock zu stehen, zu wenig Bewegung für ein ausgelastetes, gesundes Pferd sind.

Im Offenstall hat dein Pferd die Auswahl, wann es sich bewegen möchte, in der Boxenhaltung kontrollierst du dies.

Die Offenstallhaltung bietet ausreichend Bewegungsmöglichkeiten und eine artgerechtere Umgebung. Dein Pferd kann selbst entscheiden, wann es sich bewegt, wann es ruht und wann es mit den anderen Pferden umherläuft.

Viele Reiter fragen sich, ob man sein Pferd im Offenstall noch bewegen muss. Wir haben uns mit diesem Thema besonders beschäftigt, da wir das gleiche Problem haben: Wie viel muss ein Pferd im Offenstall bewegt werden?

Contra #1: Höhere Verletzungsgefahr

In diesem Artikel betrachten wir den Offenstall nicht durch die rosarote Brille, denn jeder Vorteil hat einen direkten Nachteil. Der Vorteil Bewegung zieht den direkten Nachteil der Verletzungsgefahr nach sich.

Durch die Klärung der Rangordnung, Streitereien und Neuankömmlinge wird die Rangordnung immer wieder neu sortiert. Dabei kommt es früher oder später zu Bissverletzungen, Tritten bis hin zu Lahmheiten.

Möchtest du dein Pferd in einen Offenstall stellen, solltest du dir bewusst sein, dass Pferde nicht so zimperlich miteinander umgehen. Da wird ausgekeilt, gebissen und gedroht, um den Frieden wieder herzustellen beziehungsweise die Rangordnung zu klären.

Verletzungen, die wir mit unseren Pferden im Offenstall schon mitgemacht haben:

  • diverse Bisspuren an der Kruppe, am Hals, auf dem Rücken
  • noch blutende kleine Schrammen, auch am Kopf, am Hals
  • große Schramme im Gesicht, die vom Tierarzt sofort genäht werden musste
  • Verletzung am Bein, mit Verband und mehreren Wochen Boxenruhe
  • Lahmheiten, die nach einem Tag wieder verschwanden und vom Tierarzt als Tritt eines anderen Pferdes diagnostiziert wurden

Bevor du jetzt völlig schockierst sagst, auf keinen Fall Offenstall – solltest du bedenken, dass eine gute und harmonische Herdenzusammensetzung mit einem passend aufgebauten und gestalteten Offenstall die Verletzungsgefahr für dein Pferd sinken lässt.

Weiterlesen: Pferd in Herde integrieren (siehe unten auch Contra #3: Stress für rangniedere Pferde)

Ein guter Offenstall bietet eine Herdenzusammensetzung und ein Management, das die Verletzungsgefahr für jedes einzelne Pferd reduziert.

Pro #2: Licht und Luft und eine geringere Atemwegsbelastung

Im Stall wird oft gefegt, Heu ausgeteilt, Stroh in der Box umhergewirbelt. Dies erhöht die Staubbelastung, die die Atemwege deines Pferdes reizen kann.

Ohne ausreichend Lüftung im Stall entwickeln einige Pferde neben klassischem Husten Atemwegskrankheiten durch Staub, wenn sie in einer Box gehalten werden.

Im Offenstall ist die Staubbelastung im Gegensatz zum Offenstall sehr gering. Wind sorgt für immer frische Luft und dafür, dass dein Pferd keinem Staub ausgesetzt ist.

Hier kann Luft ungehindert zirkulieren. Ist genügend Platz im Offenstall vorhanden, muss kein Pferd im Regen draußen bleiben und kann sich bei starker Sonne in den Schatten stellen.

Unsere Stute Dubi hatte in Boxenhaltung Nasenausfluss und trockenen Husten. Weder der Tierarzt konnte mit Medikamenten helfen, noch haben Kräutermischungen oder Inhalieren den gewünschten Effekt erzielt. Erst als sie nicht mehr in der staubigen Stallgasse stand, besserte sich das Bild. Heute hat sie dieses Problem nicht mehr. Für einige Pferde ist der Umzug in diesem Fall die einzige Lösung.

Kommt an einem Sommerabend die Sonne um acht Uhr abends nochmals heraus, kann dein Pferd diese im Offenstall noch genießen. In der Box wird es durch die kleinen Fenster früher dunkel – es sei denn, dein Pferd hat eine Paddockbox.

Contra #2: Ungebremste Jahreszeiten

Es regnet und dein Pferd ist nach wenigen Minuten komplett durchnässt und – es friert. Sein Fell ist jahrelang nicht darauf ausgerichtet, den rauen Wetterbedingungen zu trotzen. Das ist wirklich nicht unnormal, wir kennen Pferde, die zitternd am Gatter warten, damit sie endlich wieder ins Warme dürfen.

Weiterlesen: Pferd friert im Regen

Andere Pferde haben Probleme mit aufgeweichten und tieferen Böden nach einem starken Regenguss. Sie rutschen schneller aus und sind nicht trittfest genug für die Böden im Offenstall.

Viele dieser Punkte lassen sich auch auf die Züchtungen zurückführen. Die sogenannten Robustrassen, zum Beispiel Isländer, Norweger, Haflinger, stammen aus rauen und unwegsamen Gebieten. Die meisten Warmblüter und auf Sportlichkeit gezüchteten Rassen haben ein Zuchtziel für mehr Eleganz und nicht ein besonders dickes Fell.

Im Offenstall haben viele Pferde, die aus der Boxenhaltung kommen, Probleme mit Regen, starkem Wind und auch mit viel Sonne. Möchtest du es im Offenstall probieren, kannst du deinem Pferd bei diesen Problemen mit entsprechenden Decken gut helfen.

Wie in allen Punkten relativiert ein gut ausgestatteter und richtig organisierter Offenstall diesen Nachteil: wo es genügend Platz und Ausweichmöglichkeiten gibt, muss kein Pferd im Regen stehen.

Pro #3: Herdenleben

Die Herde ist Schutz, Familie, Freunde und Feind für dein Pferd in einem. Das gesamte Verhaltensrepertoire deines Pferdes kannst du nur in der Herde erleben.

Pferde gehen Freundschaften ein, sie können Zuneigung zueinander zeigen und miteinander spielen, toben oder auch raufen. Dieses Verhalten dürfen sie im Offenstall ausleben.

Oftmals wird Pferden dieser soziale Aspekt noch sehr abgesprochen. Boxenhaltung ermöglicht meist einen Sicht- und Blickkontakt, jedoch nicht den direkten Kontakt zwischen den Pferden, der die Basis der normalen Interaktion ist.

Unsere Stute Dubi hat eine beste Freundin im Offenstall gefunden, mit der sie Seite an Seite durchs Leben geht. Sie stehen beieinander, fressen zusammen, dösen zusammen und vermissen den jeweils anderen schrecklich, wenn einer nicht da ist. Aus 30 Pferden im Offenstall hat sie sich diese andere Stute ausgesucht, weil Pferde auch Sympathie und Antipathie gegenüber ihren Artgenossen empfinden.

In klassischer Boxenhaltung hätte sie diese Begegnung und die damit zusammenhängende Bereicherung durch die Pferdefreundschaft wahrscheinlich nie gehabt.

Contra #3: Stress für rangniedere Pferde

Sollte dein Pferd eher am unteren Ende der Herdenhierarchie stehen, kann es vorkommen, dass es nicht in den Unterstand darf. Es kann sich nicht ausreichend ausruhen und entspannen, seine Artgenossen können es durch den Offenstall scheuchen.

Findet dein Vierbeiner zusätzlich keinen Anschluss und muss sich in der Herde lange behaupten, kann das Stress für dein Pferd bedeuten.

Ist die Pferdegruppe im Offenstall bereits sehr gut eingespielt und im schlimmsten Fall bereits eine gerade Anzahl von beispielsweise vier Pferden, dann erschwert das die Integration deines Neuankömmlings zusätzlich.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um ein neues Pferd in eine Herde zu integrieren. Ein guter Offenstall wird so aufgestellt, dass diese Integration nach Erfahrungswerten einem Vorgehen folgt. Welche verschiedenen Möglichkeiten es dabei gibt, kannst du hier lesen. Kleiner Spoiler: Unser Offenstall lässt neue Pferde immer dann in die Herde, wenn die Herde auf ein neues Stück Weide kommt. Alle sind so sehr mit dem Fressen beschäftigt, dass sich niemand für die Neuankömmlinge interessiert.

Saftiges Grün und viel Platz, um sich aus dem Weg zu gehen ist auf einer Weide kein Problem. Kritisch wird es bei Unterständen und den Ecken des Offenstalles.

Typische Situationen, die für dein Pferd sozialen Stress bedeuten sind das gejagt werden, Ecken im Offenstall, aus denen es nicht mehr fliehen kann. Zusätzlich nicht genügend Unterstände, sodass es keine Möglichkeit hat auch vor starkem Regen zu flüchten.

Pro #4: Artgerechte Futteraufnahme

Wer sich mit Wildpferden beschäftigt, wird schnell feststellen, dass Pferde den ganzen Tag und auch in der Nacht ständig kleine Portionen Futter aufnehmen. Dabei bewegen sie sich in kleinen Schritten vorwärts. Zwischendurch ruhen sie oder bewegen sich, es entstehen jedoch keine langen Fresspausen von den in der Boxenhaltung üblichen 8 – 10 Stunden zwischen Abend- und Morgenfütterung.

Pferde fressen zwischen 12 und 18 Stunden am Tag kleine Portionen.

Vorteilhaft an der Offenstallhaltung ist, dass Pferde diesem natürlichen Fresstrieb nachkommen können. Bei Offenstallpferden kannst du das natürliche Verhalten der Wildpferde beobachten: man meint, das Pferd frisst den ganzen Tag. Doch siehst du genauer hin und beobachtest die Pferde, siehst du, dass die Gruppe immer wieder zusammen ruht, dann wird Fellpflege betrieben und wieder gefressen.

Zu lange Fresspausen bergen für Pferde gesundheitliche Gefahren.

In der traditionellen Boxenhaltung wird Morgens, Mittags und Abends Kraft- und Raufutter gefüttert. Ganz so, wie wir Menschen essen. Dies führt zu sehr langen Fresspausen für Pferde, besonders nachts. Im Offenstall kann dein Pferd Pferd sein und auch nachts Futter zu sich nehmen, so wie es seine Natur vorsieht.

Contra #4 Keine bedarfsgerechte Fütterung

Die Kehrseite der Medaille bei der Fütterung ist auch nicht außer Acht zu lassen: Wird ein rangniederes Pferd nicht an die Heuraufe gelassen, kann dies gesundheitliche Folgen haben. Besonders alte Pferde sollten in diesem Punkt im Auge behalten werden.

Eine bedarfsgerechte und individuelle Fütterung ist nur über Zufütterung möglich. Wirklich kontrollieren, wie viel und wann dein Pferd frisst, kannst du im Offenstall meist nicht.

Leichtfuttrige Pferde können im Offenstall bei fehlender Bewegung und Training Übergewicht bekommen. Stehen die Pferde auf Gras, kann ein unkontrollierter Zugang bei einigen Pferden durch hohes, im Gras vorhandenes, Fruktan zu Hufrehen führen.

Die fehlende Bedarfsgerechte Fütterung schließt das Heu mit ein. Wird Silage gefüttert, frisst dies meist die ganze Herde. Extra-Wünsche können meist nicht in allen Punkten so umgesetzt werden, wie in der Boxenhaltung.

Offenstall: mehr Infos für deine Entscheidung

Unsere Connemaraponys stehen in einem Offenstall, wir standen davor lange Zeit in Boxenhaltung: von Innen- über Paddockbox bis zum Laufstall haben wir schon alles ausprobiert. Im Offenstall zusammen mit ihren Freunden fühlen sie sich am wohlsten.

Solltest du dein Pferd jetzt von der Box in einen Offenstall umstellen wollen, gibt es ein paar Dinge zu beachten. Um die Umstellung deinem Pferd so angenehm wie möglich zu machen, kannst du dich hier informieren: Pferd von Box in Offenstall umstellen.

Wann der richtige Zeitpunkt ist, um den Stall zu wechseln, kannst du dir in diesem Artikel ansehen: Wann den Stall wechseln. Hier nennen wir die weitere, wichtige Punkte, die du bei einem Wechsel im Auge haben solltest.

Falls du noch nicht ganz sicher bist, welche Haltungsform für dich in Frage kommt, findest du hier weitere Infos: